Vortrag Entwicklung

Vortrag vor dem III. common sense forum in Lübeck
Der Mensch und seine Entwicklung
- Natürliche und pathologische Aspekte -

Was ist, was bringen wir mit? Was kommt an Positivem und Negativem hinzu, bis wir "wieder" lernen?

  1. Der natürliche Forsch - und Lerndrang des Kindes:

    Unser Denken, Empfinden, Lernen und Handeln sind das Ergebnis einer gut funktionierenden Teamarbeit des neuronalen Netzwerkes Gehirn. Es ist in seiner Funktionalität und seinem Leistungsvermögen jeder Maschine und jedem noch so komplizierten Computer überlegen. über Nervenfasern werden 15 bis 20 Milliarden Nervenzellen miteinander verbunden - eine gigantische Dimension!
    Das Netzwerk repräsentiert eine "Gesamtkabelstrecke" von 500.000 Kilometern Länge mit Millionen von Schaltstellen, zusammengeknüllt zu exakt sortierten und organisierten Gehirnwindungen hinter unserer Stirn. Die Zellverbände hier kommunizieren unter anderem über chemische Botenstoffe, die Neurotransmittler Dopamin und Noradrenalin bei der Informationsübertragung im neuronalen Netzwerk.

    Das "freie" Kind lebt aus einer dynamischen, spontanen und selbstregulativen Bewegungsvielfalt heraus und verrichtet dabei enorme Entwicklungsleistungen. Beobachten Sie mal ein kleines Kind in der Natur!
    Wir Menschen sind über einem mit der Tierwelt verglichenen sehr langen Zeitraum auf Fürsorge, Schutz, Unterstützung (Anregung, Reiz) und Lenkung durch die Erwachsenen angewiesen.
    Und bei keiner anderen Art ist die Hirnentwicklung in solch hohem Ausmaß von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz der erwachsenen Bezugsperson abhängig wie beim Menschen.
  2. Aspekte, die den natürlichen Forsch- und Lerndrang negativ beeinflussen beziehungsweise beeinflussen können:

    1. unabänderliche Einflüsse

      - da gibt es z. B. neurologische Ursachen

      Sensomotorische Integration ist die Aufnahme und das dann folgende Zusammenspiel der Informationen aller Wahrnehmungen. Dazu gehört
      1. der Gleichgewichtssinn und das vestibuläre System (wirkt mit den Reflexen zusammen um das Gleichgewicht zu erleichtern), Hand-Augen Koordination
      2. der Tastsinn,
      3. der Hörsinn,
      4. das Sehen,
      5. die Tiefensensibilität und
      6. das Schmecken und Riechen. (Beispiel: Orange)

      Störungen der sensomotorischen Integration ist die ungenügende Leistung des Gehirns, die die Sinnesorgane betreffen. Es können Sinneseindrücke nicht richtig verarbeitet werden. So ist das Kind auch nicht in der Lage, sinnvolle Verhaltensweisen zu bestimmen, das Lernen fällt schwer, der Mensch fühlt sich oft unzufrieden und kann nicht gut mit alltäglichen Anforderungen oder Stresssituationen umgehen.

      - geburts-vorgeburtsbezogene Ursachen

      Z. B. hat das Fortbestehen (Persistieren) frühkindlicher Reflexe eine tiefgreifende Auswirkung auf die weitere Entwicklung. Wenn die frühlindlichen Reflexe über den normalen Zeitpunkt ihrer Hemmung (einige werden ab dem 2. Lebensmonat gehemmt, andere z. B. nach 9 Mon.)hinaus ihre Wirkung beibehalten, führen sie u. a. auch auf subpathologischer Ebene zu Beeinträchtigungen der Bewegung, des Verhaltens und des Lernens. Beispiel: Nackenreflex (ADHS)

      Ein Reflexausreifungs-und hemmungsprogramm (wird sehr selten durchgeführt) ziehlt darauf ab, dem Gehirn eine zweite "Chance" zu geben, diejenigen Bewegungen zu erfahren, die in den frühen Lebensmonaten hätten ausgeführt werden sollen. Dadurch baut man eine Brücke über die Lücken und ermöglicht eine effizientere Ausführung von Botschaften, die zwischen Körper und Gehirn hin und her gehen.
    2. veränderbare Einflüsse, die sich wie "rote Fäden" durch die Biografien der Einzelnen ziehen

      1. entwicklungsbedingte Einflüsse.
        Da die Fähigkeit zu kompetenter Unterstützung beim Erwachsenen sehr unterschiedlich entwickelt ist, werden die hochkomplexen und vielseitigen Verschaltungen im kindlichen Gehirn nicht immer voll entfaltet.(fehlende Vorbilder, Reiz, defizitäre Bindungen etc.)

        Das Kind wird dramatisch ausgebremst in seiner Motorik durch die dominierende "Erwachsenenmotorik", also die kontrollierten Bewegungen. Es muss sich anpassen. Das formt und festigt den Menschen enorm fürs Leben.
        Nach neuesten Erkenntnissen der modernen Hirnforschung prägt diese unbewusste innere Ausbremsung unseren Charakter offensichtlich mehr als genetische Einflüsse.
        Das Gehirn speichert motorische und sensomotorische Erfahrungen in Form von Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen ab und schreibt so sich selbst verstärkende Programme, die deswegen so bedeutsam sind, weil alle Emotionen und Gedanken auf motorischen Impulsen basieren.

        Das Kind wird nicht nur motorisch ausgebremst, sondern auch
        • wenn es in einer Welt aufwächst, in der die Aneignung von Wissen und Bildung keinen Wert besitzt (Spaßgesellschaft)
        • wenn es keine Gelegenheit bekommt, sich aktiv an der Gestaltung der Welt zu beteiligen (passiver Medienkonsum)
        • wenn es keine Freiräume mehr findet, um seine eigene Kreativität spielerisch zu entdecken: z. B. in der Natur oder im Kindergarten beim Basteln ohne Schablonen! (Funktionalisierungen)
        • wenn es mit Reiz überflutet, verunsichert und verängstigt wird (überforderung)
        • wenn es daran gehindert wird, eigene Erfahrungen bei der Bewältigung von Schwierigkeiten und Problemen zu machen langer Schulweg, eingeworfene Fensterscheibe (Verwöhnung),
        • wenn es keine Anregung erfährt und mit seinen spezifischen Bedürfnissen und Wünschen nicht wahrgenommen wird (Vernachlässigung)
      2. schulische Erfahrungen, die sich im Berufsleben fortführen
        • lerntypgerechtes Lernen fehlt
          Wir lernen mit allen Sinnen: hören, schmecken, riechen sehen, tasten. Bei uns sind nicht alle Sinnesorgane gleichgut ausgebildet. Z. B. ist es wissenschaftlich erwiesen, dass nur 10 % aller Kinder gut bis sehr gut ihren Sinneskanal "hören" einsetzen können.
          Jedoch findet ein großer Teil des Unterrichts noch immer übers "Zuhören", also über den auditiven Kanal statt. Der eine lernt also gut übers Sehen, der andere durch das Handeln, ein weiterer lernt am besten durch sehen und handeln, aber gar nicht über das Hören usw. Entsprechend muss der Unterricht aufgewertet werden. Beispiel Mengen körperlich erfassen. Sprechen etc.
        • Insofern fehlt auch die individuelle Passung des Lernstoffes durch verschiedenste Unterrichtsvorlagen und Materialien. Ein Kind, welches am besten durch Handeln (kinästetischer Lerntyp) lernt, jedoch pausenlos Vorträge hört, nimmt kaum etwas vom Lernstoff auf. Aktives Lernen durch handeln wäre Voraussetzung.
        • Blamage nach Misserfolgen > Schikane des Lehrers. Vorn an der Tafel arbeiten lassen trotz Wissen über das Kind. Eltern erzählen im Beisein des Kindes von dessen Misserfolgen u. ä.
        • Misserfolgserwartungen führen zu Misserfolgen Beispiel Geschirrtragen
        • krisenhafte Erfahrungen > Nachschreiben einer Klassenarbeit in einem fremden Raum ohne Ansprechpartner. > ängste > Blackout. Nach längerem Fehlen (Krankheit) muss die Klassenarbeit mitgeschrieben werden > schlechte Note ist vorauszusehen. Nach Krankheit gibt es Misserfolge = ich darf nicht krank werden
        • Mobbing durch Mitschüler (anders sein, Geschlecht, Aussehen etc.)
        • Erfahrene Missgunst durch Mitschüler
        • Ambivalenz von Gruppenarbeit und Gruppendynamik, (lasst uns doch lieber noch eine rauchen bevor wir anfangen) Aufgrund von Gruppendruck wird das eigene Können nicht eingesetzt > Streber > wir sind doch alle gleich! Nicht aus der Reihe fallen!
        • Team und Konkurrenz (Notendruck)
        • Elterlicher Erwartungsdruck, deren eigenen Missgeschicke oder Versagen soll durch den Erfolg des Kindes kompensiert werden > Versagensangst entsteht. Mein Kind soll es besser haben.
        • Eltern erkennen das Kind nur durch besondere schulische Erfolge an > ständiger Erfolgsdruck > wird evtl. obendrein noch auf den Chef übertragen (kindliches Verhaltenschema)
        • Ressourcen werden nicht erkannt. Warum? überlastung und überforderung der Lehrer, nicht genaues Hinschauen, Desinteresse (letzteres besonders bei älteren Kindern) oder überlastung jeglicher Art der Eltern
        Gezielte Aktivierung der Ressourcen ist nicht nur für Problembearbeitung besonders förderlich, sondern sie trägt ebenso zur Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse nach Kontrolle und Ordnung, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, Lustgewinn und Unlustvermeidung, sowie zur Bindung bei, sie optimiert damit auch ganz direkt das physische, psychische und soziale Wohlbefinden des Menschen, weil durch Ressourcenaktivierung spannungserzeugende Unbeständigkeiten, Widersprüchlichkeiten abgebaut werden (Inkonsistenzen)
  3. Folgen dieser Einflüsse für innerbetriebliche Bedürfnisse

    1. Durch diese Ursachen bedingt leben viele Menschen mit verschiedenen Problemen. Z. B. der Legasthenie oder der Dyskalkulie.
      Legasthenie wird sehr oft als Problem des Kindes und Jugendalters dargestellt. Dabei wird übersehen, dass aus diesen Kindern und Jugendlichen mit milden bis schwerwiegenden Störungen im Schriftspracherwerb, aber auch in Bereichen wie Lesen, Rechnen, Informationsaufnahme- und Verarbeitung, körperliche Koordination etc. Erwachsene werden, die in einem oder mehreren dieser Bereiche Schwierigkeiten behalten. Solche Schwierigkeiten können für diejenigen, die weiter lernen wollen, von erheblicher Bedeutung sein. In Ausbildungen, Betrieben und Hochschulen herrscht vorwiegend schriftsprachliche Kommunikation. Betroffene Menschen müssen davon ausgehen, dass sie hier in Deutschland keinerlei Unterstützung erhalten. Einige "outen" sich, andere bedienen sich verschiedener Tricks, um nicht "aufzufliegen". All das erfordert ein hohes Maß an zusätzlicher Leistung, die keinerlei Aufmerksamkeit und Anerkennung findet (oder aber negative, wenn die Fehlerquote doch zu hoch ist).
    2. Bei Aufmerksamkeitsstörungen funktioniert die Selektion der Reizaufnahme nicht gut (hören, sehen, tasten), schmecken und riechen funktionieren nur begrenzt.
      Bei der Reizverarbeitung und Handlungsvorbereitung kann der "Arbeitsspeicher" überlastet werden und "abstürzen", die "Fachabteilungen" verstehen die "Nachricht" nicht genau, die Erinnerung, also die "Festplatte" kann nicht richtig aktiviert werden. Dauraufhin ist die Reaktion oftmals nicht angemessen. Es kann u. a. zu impulsiven Handlungen kommen (verbale Anfeindungen, "in die Luft gehen", Beschimpfungen etc.) Genauso ist es möglich, dass darum bestimmte Handlungen gar nicht oder nicht korrekt ausgeführt werden.
    3. Depressionen
    4. Weitere Folgen sind geringe Eigenmotivation / intrinsische Motivation.
      Das heißt, wenig aus Freude, aus Interesse, aus Neugier (wie auch beim Kleinkind) wenig aus dem Wunsch heraus, bessere Lösungsmöglichkeiten zu finden. Motive wie neue Herausforderungen, Erweiterung des Horizontes und die Verwirklichung eigener Ideen in der Schul- und Arbeitswelt sind gering. D. h. die Arbeit selbst ist meist nicht das Motiv, sondern eher Fremdmotivationen.
    5. Von Fremdmotivation gibt es meist zu wenig bzw. falsche / extrinsische Motivation
      dazu gehören Druck, Strafen, andere unangenehme Konsequenzen wie (Liebesentzug, Taschengeldentzug in der Schule) Jetzt ist es geringe Anerkennung der Person, zu geringes Einkommen, Nichtanerkennung von geleisteten unbezahlten überstunden, seltene Gehaltserhöhung bzw. falscher Zeitpunkt dieser Gehaltserhöhungen u.ä. (Beispiel)
    6. Blackouts
      beziehungsweise deren Erfahrungen werden in der Schule erlernt und machen sich oftmals auch im Erwachsenenalter bemerkbar. Bei überprüfungen, Tests und vor Referaten beginnt so manches Herz schneller zu schlagen. Die Hände werden schwitzig, das Gefühl noch mal zum WC zu müssen macht sich bemerkbar. Oftmals legt sich der erregte Zustand im Laufe der Situation.
      Jedoch genauso häufig nicht. Bei vielen Kindern schockiert dieses "Lampenfieber" sehr. aber genauso werden die Folgen wie schlechte Noten und die körperlichen Reaktionen erlebt, so dass sich die Angst vor der Angst entwickelt. Diese Furcht verhindert als sprichwörtliches "Brett vor dem Kopf" gute Leistungen. Diese Furcht zeigt sich auch in Meetings oder anderen betriebsbedingten Anforderungen im Erwachsenenalter weiter. Diese Menschen sind blockiert. Wenn es darauf ankommt, können keine Gedanken aufs Papier oder ins Gespräch gebracht werden. Durch eine besonders drastische Situation in einem Bereich, kann diese Erfahrung bereichsbezogen immer wieder auftauchen. Bei anderen kann es zu momentanen Störungen führen.
    7. oben genannte schulische Erfahrungen wiederholen und verhärten sich wie z. B. die Blamage nach Misserfolgen, Misserfolgserwartungen, krisenhafte Erwartungen etc.
    8. Aufstiegschancen versus kollektiver Interessen (Teamgeist)
      Egoismus: sein eigenes Streben vor Augen zu haben, nicht die der Gesamten Arbeitsgruppe
    9. Mobbing durch Missgunst im Konkurrenzkampf
    10. Die Bindungsunfähigkeit vieler Menschen sorgt für fehlende private harmonische und vertrauensvolle Beziehungen beziehungsweise für harmonisches Familienleben und Paarerleben, welche Ausgeglichenheit und Stabilität und dadurch auch Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit im beruflichen Alltag bewirken.

Trotz aller Forschungen und Erkenntnisse ist die Bewegung die Grundlage allen Wachstums und Lernens!
Das wussten wir auch schon, bevor der Laufpapst Strunz sein Laufbuch For "ever joung" schrieb.

Und trotz alle dem

"Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben"

Ben Furmann



Wir können wissen, warum es so war und daran arbeiten. Trotzdem schauen, was war schön und gut. Mit diesen Augen können wir unseren nachfolgenden Generationen eine positive Zukunft geben!

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Inga Herden

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